Stacks Image 362

My Kindertransport Through Life
Walter Klein

Hugo & Gretel

Die Eltern Gretel & Hugo Klein



Zeugenaussage (im Jahr 2006 aufgeschrieben)

Ich wurde am 10. November 1935 in Bad Neustadt an der Saale (Deutschland) geboren. Meine Eltern waren Gretel Heinemann und Hugo Klein.
Ich bin jetzt 71 Jahre alt und ich habe vier Geschwister, Siegbert nun 83 wohnhaft in New Jersey; Ludwig ist schon verstorbenen; Käthe "Kay Fyne" (81) lebt in Liverpool, England und Hanna Schwarz (80) lebt in Everett, Washington. Ich wurde zuhause Hause in einem Miethaus geboren, wo mein verstorbener Vater Lederwaren und Kleidung herstellte und verkaufte. Ich erinnere mich, mit meinem Hund Nellie bei der Kellertür gespielt und ab gerutscht zu haben. Draussen war eine Parade. Mir wurde gesagt, im Haus zu bleiben und nicht aus dem Fenster zu schauen. Es war eine „Nazi“-Parade! Im August 1939 gaben uns unsere Eltern nach Frankfurt in einen Zug
der „Kindertransporte“ nach England – sie sahen uns nicht wieder.

Walter 1939

Walter 1939


Anfang 1938 hatte eine Gruppe britischer Bürger ihre Regierung um die Erlaubnis gebeten, die Kinder aus Deutschland und anderen besetzten Ländern nach England zu holen. Die Deutschen waren einverstanden, dass 10.000 Kinder gehen durften, aber ohne ihre Eltern. Dieses wurde als „Kindertransporte“ bekannt. Es gab Begleiter in den Zügen, die nach Deutschland zurückzukehren mussten. Sie starben, wie meisten anderen auch, während des Holocaust. Alle Kinder hatten Sponsoren, die für ihre Unterbringung und Aufwendungen garantieren mussten. Unser Sponsor war ein Maurice Baron ein entfernter Cousin, der eine Zigarettenfabrik in London hatte.
Wir kamen in England am 25. August 1939 kurz nach der Bar Mizwa von Ludwig an. Meine Brüder waren 13 und 14 und meine Schwestern waren 11 und 12. Ich war drei Jahre alt und eines der jüngsten Kinder, das transportiert wurde. Ich erinnerte mich, dass ich in einem Zug saß und viele Schiffe sah. Ich wurde in einen Kindergarten in Bournemouth an den Ärmelkanal geschickt. Ich erinnere mich an ein großes Zimmer mit anderen Kindern. Eines Tages saß ich in einem Kinderwagen als ein Luftangriff zu hören war und Leute liefen in die Luftschutzkeller. Meine Brüder und Schwestern gingen in ein Internat, Stotley Rough in Hazelmere, Surry, etwa 40 Meilen südwestlich von London. Nach einem Jahr waren meine Schwestern in der Lage, den Direktor der Schule zu überzeugen, mich zu ihnen zu holen. Solange kümmerten sie sich um mich. Sie sagen mir, wie schmutzig und dünn ich aussah, als ich zu ihnen kam. Man hatte sich schlecht um mich gekümmert. Als ich nach Stotley Rough kam, gingen meine zwei Brüder mit vierzehn zur Landarbeit auf Bauernhöfe. Es war die einzige Arbeit die sie machen durften, weil sie deutsche feindliche Ausländer waren. Sie mussten sich auch bei der örtlichen Polizeistation melden. Die Schule war auf einem Hügel, ein alter Gutshof mit einem großen Haupthaus, wo der Direktor lebte und wo ich mit anderen Kindern in einer große Remise wohnte. Es gab eine Terrasse mit Garten, Tennisplätze und Spielfelder. Am Fuß des Hügels gab es einen Bauernhof mit Kühen, Pferden und Hühnern sowie Felder mit Gemüse und Obst, ein schöner Ort. Die meisten anderen Kinder waren Flüchtlinge, die aus London vor den „Blitz“-Bombardierungen geflohen waren. Einige der Lehrer waren Flüchtlinge aus Europa. Als meine Schwestern 14 Jahre alt wurden lernten sie unterschiedliche Berufe. Jeden Abend mussten wir in die Luftschutzbunker gehen.
Die Zeit verging schnell mit Schule, Sport, Arbeit, viele Wanderungen und Spiel mit den anderen Kindern. Ich war bestens umsorgt – wurde nie missbraucht, aber auch nie umarmt oder geküsst. Das Essen war rationiert und spärlich. Von dem Bauernhof kamen die meisten Lebensmittel. Als ich älter wurde ich sah viele Soldaten, Panzer und Lastwagen. Eines Tages gab es viele Flugzeuge mit Segelflugzeugen und Militärkonvois; es war D-Day, 6. Juni. 1944 Als der Krieg weiterging, sandten die Deutschen ihre größte und am meisten gefürchtetste Bomben, genannt „Doodlebug“ (Ameisenbär), eine sehr zerstörerische Rakete. Eines Tages flog eine über die Schule zielte auf das Dorf, aber sie explodierte nicht. Später hat man sie zu einem Denkmal verwendet. Am 6. Mai 1945 gab es viel Feier und Freude, V- E Day (Victorytag) und Frieden in Europa. Wir dachten, alles würde sich zum Besseren zu verändern, aber so schnell ging s nicht. Irgendwann im Jahr 1946 kam meine Schwester Kay zu mir und nahm mich zu einem Spaziergang mit auf die Heide. Sie sagte mir, sie glaube nicht, dass unsere Eltern überlebt hätten und dass sie gestorben waren. Ich konnte nicht weinen, denn ich wusste nichts mehr oder konnte mich nicht an sie erinnern. Zu Beginn des Jahres 1947 ging ich nach Redhill um Kay zu besuchen, wo sie in einer Art Kibbuz arbeitete. Meine anderen Geschwister waren dort auch. Es war das erste Mal, dass wir alle zusammen waren, seit wir Deutschland im Jahr 1939 verließen und wir hatten eine tolle Zeit zusammen.

An einem Tag im August 1947 kam meine Schwester Hanna in die Schule und sagte, dass ich mit meinen Brüdern Amerika gehen solle. Ich packte die wenige Kleidung die ich hatte, verschenkte meine Spielwaren an die anderen Kindern und verabschiedete mich von der einzigen Heimat, die ich kannte und die feinen Leute, die sich um mich gekümmert hatten, vor allem Dr. Lion der Direktor. Am nächsten Tag fuhren wir nach London, wo ich meine Brüder traf. Es gab Papierkram und Impfungen zu erledigen. Am nächsten Tag ging meine Schwester zurück nach Manchester und wir nahmen ein Taxi zu den Londoner Docks. An Bord des Liberty-Schiffs, der „Kolora Victory“ (ein Frachtschiff aus dem Krieg), liefen wir in der Nacht aus. Es gab nur 10 Passagiere, alle Männer, ich hatte eine tolle Zeit, mit allem Essen und durfte überall herumstreifen. Nach 10 stürmischen Tagen fuhren wir an der Freiheitsstatue vorbei zu einem Dock am Hudson River. Es der 28. August l947, ich war 11 Jahre alt.

Mir wurde gesagt, dass wir in New York zwei Onkel und zwei Tanten, Brüder und Schwestern meines Vaters hätten. Sie waren in den 1930er Jahren eingewandert. Sie alle waren verheiratet und hatten einige Kinder. Die meisten waren anwesend, um uns zu treffen. Während der Papierkram erledigt wurde, sagten meine Brüder, ich solle weiter gehen um die anderen zu treffen. Ich fand sie nicht. Ich kannte sie nicht. Als der Papierkram erledigt war, gab es viel Umarmen und Küssen mit allen.
Ich folgte Onkel Leo, Tante Gustel und ihre Tochter Hannelore um mit ihnen zu leben. „Laurie“ war ein paar Jahre älter als ich. Wir lebten in einer fünf Zimmer Wohnung in Inwood, Abschnitt des oberen Manhattan. Mein Onkel produzierte und verkaufte Pelzmäntel in der Wohnung. Am nächsten Tag gingen wir die Innenstadt in das Kaufhaus Gimbles. Wir kauften ein paar neue Schuhe und Kleidung. Meine alten waren zerlumpt. Anfang September besuchte ich die hebräische Schule zum ersten Mal. Mein Onkel war der Vorstand der meist deutschen Flüchtlingen in der orthodoxen Synagoge. Im September begann ich die öffentliche Schule und nachdem ich gut war, übersprang ich einige Jahrgänge. Mein Bruder Robert – er änderte bei der Einbürgerung seinen Namen in Bob – trat in die US-Armee ein. Nach der Grundausbildung wurde er nach Deutschland geschickt, um bei der Berliner Luftbrücke zu helfen. Auf Urlaub ging er zurück nach Bad Neustadt und traf einige nichtjüdischen Freunden aus der Vorkriegszeit. Sie sagten ihm, meine Eltern hatten ein paar Dinge versteckt um sie bei unserer Rückkehr weiter zu geben. Wie wussten sie das? In dem Paket war das alte Silberbesteck, eine Uhr, Anweisungen für meine Bar Mitzwa sowie zwei Briefe von meinen Eltern, kurz bevor sie deportiert wurden. Am 20. November l948 hatte ich meine Bar Mizwa in der Synagoge meines Onkels. Ich hatte eine tolle Zeit mit einer Party zu Hause. Es gab viele Geschenke und eine Uhr von meinem Bruder Bob. Er erzählt uns die Geschichte, dass es die gleiche Uhr sei wie die von meinem Vater, da das Original sich verschlechtert hatte.

Stacks Image 9865

Walter Klein (unten links) mit seiner Mutter Gretel Klein (unten rechts), seine Tante Selma (unten links), die ihn festhält und seine Schwester Hanna (oben rechts)

Im Juni 1952 schloss ich die Junior High ab und ging auf die Berufsschule für Lebensmittelhandwerk. Ich habe hart gearbeitet und trat ihre Lehrlingsprogramme als Bäcker ein. In den letzten zwei Jahren nach der Schule arbeitete ich in verschiedenen Bäckereien und ging zur gleichen Zeit zur Schule. Am 24. Juni 1955 schloss ich ab und am Nachmittag fuhr ich mit dem Bus nach Monticello NY um im Laurels Hotel als Bäcker zu arbeiten. Ich arbeitete 6 Monate im Hotel und 6 Monate in der Vereinigung für Bäckereien in New York für die kommenden Jahre.
Im April 1961 hatte ich einen Blinddate mit einer schönen jungen Dame, Hanna Turkel, geboren in Albany NY. Ihre Eltern waren deutsche Flüchtlinge, die 1939 in die USA kamen. Ich traf Hanna während des Sommers. Ihre Eltern hatten einen Bungalow in White Lake. Wir heirateten am 25. März 1962 und zogen in eine Wohnung im oberen Manhattan. Ich arbeitete in einer Bäckerei in der Stadt. 1963 unser Sohn Howard wurde am 22. Juli geboren. Als 1964 unser Sohn Roy kam, zogen wir in ein Haus in Flushing Queens. Unser drittes Kind, eine Tochter, Sharon, wurde am 22. Oktober geboren l970. Im Mai 1971 zogen wir in ein Haus in Liberty NY. Ich ging in Katz' Bäckerei, wo ich für die nächsten 20 Jahre arbeitete. In dieser Zeit wurden die Briefe meiner Eltern ins Englische übersetzt und Kopien an die Familienmitglieder gegeben. Sie sind sehr bewegend und traurig zu lesen. Meine Onkel und Tanten sind im Laufe der Jahre verschieden und nur die Cousins bleiben.
Im Juni 2001 hatten wir eine Veranstaltung und Feier in Liverpool (England) wo meine Schwester Kay und ihr Ehemann Norman mit ihre drei Kindern und Urenkel lebten. Bei der „Bima“ in der Synagoge hatte wir zwei Stühle im Andenken an unsere Eltern frei gelassen. Am folgenden Wochenende reisten wir alle nach Bad Neustadt. Es waren 22 Kleins und deren Nachkommen anwesend. Ich ging zum Haus, in dem ich geboren wurde. Die Kellertür war immer noch da. Wir besuchten in der Gegend die Städte und jüdische Friedhöfe. Wir trafen eine Lehrerin, Gitta Biedermann, die ihre Studenten über den Holocaust unterrichtete und die jährlich die Namen der 1942 deportierten Juden verlasen. Gitta sagte uns, sie an der Errichtung eines Denkmals zum Gedenken an die deportierten Juden arbeiteten. In der folgenden Woche ging ich mit meiner Frau nach München, der Heimatstadt ihrer Eltern, um die Friedhöfe besuchen und die Stadt zu erkunden.
Im Jahr 1998 gingen meine Frau und ich in den Ruhestand. Unsere beiden Söhne sind verheiratet und wir haben drei Enkelkinder. Unsere Tochter ist eine erfolgreiche Karrierefrau. Wir verbringen unsere Zeit jetzt zwischen Liberty NY und Delray Beach, Florida. Ende Oktober 2006 wurde uns mitgeteilt, dass das Denkmal fertig gestellt wurde. Die Einweihung wäre am 8. November. 2006 und wir wurden eingeladen, die Einweihung zu besuchen. Meine Schwester Hanna und ihre drei Töchter und meine Frau und ich kamen am 6. November. Das Denkmal war sehr bewegend mit allen Namen und dem Alter der deportierten Juden. Ein Zitat aus dem letzten Brief meiner Mutter stand auf der Außenseite geschrieben. Das Einsatz des Bürgermeisters und der Honoratioren, die Reden und die düstere Musik waren „bittersüß“ und wurde von uns hoch geschätzt. Am 10. November lud Gitta Biedermann meine Schwester und mich ein, zu den älteren Schülern am Gymnasium zu sprechen. Ich erzählte den Schülern, dass heute mein 71. Geburtstag war und wer hätte gedacht, dass 68 Jahre nach meiner Auswanderung ich wieder zu Hause in Bad Neustadt sein könnte. Alle standen auf und sangen Happy Birthday für mich.
Das Zitat aus meiner Mutter Brief lautet „Betet für uns und gedenkt unser, erzählt es Euren Kindern wieder, wie wir zu Tode gepeinigt wurden.“ Gretel Klein, 22. März l942.
Meine Eltern wurden am 22. April 1942 nach Izbica in Polen deportiert. Zusammen mit 42 anderen Juden aus Bad Neustadt. Ihr Ziel war zu diesem Zeitpunkt unbekannt. Alle ihre 44 Namen sind auf dem Denkmal aufgeführt. Im Herbst des selben Jahres wurde ein weiteres Denkmal in Unsleben, nahe Bad Neustadt, errichtet, wo unsere Großmutter begraben liegt. Die Denkmale sind eine Erinnerung an alle Mitglieder der Familie Klein, die im Holocaust umkamen. Wir fünf Klein Geschwister können mit Stolz sagen: Wir haben fünfzehn (15) Kinder und neunzehn (19) Enkelkinder. Unsere Eltern wären stolz.
Stacks Image 7167

Die Kleins in den späten 1980er Jahren. von links:
Siegbert, Ludwig, Kay, Hanna, Walter